Sonntag, Mai 15, 2016

China, wenn Menschen arbeiten

Eindrücke von meiner Chinareise

Vorab, ich war nur geschäftlich für wenige Tage in China und will mir daher in keiner weise anmaßen, "bescheid" zu wissen. Doch meine subjektiven Eindrücke will ich zusammen mit meinem objektiven Wissen über dieses Land hier kurz schildern.

Anflug

Von meinem bequemen Fensterplatz auf der linken Seite des A380, in der Economy Plus Klasse bei Lufthansa, hatte ich einen schönen Blick auf das Land mit Sonne im Rücken. 
Die ersten Bilder zeigen riesige Kraftwerke, die Kohle verbrennen und dabei das Land in einen weißen Nebel, eine euphemistische Umschreibung des Smogs, tauchen.
Quelle von Strom, Wohlstand und Smog: Kohlekraftwerke
Kraftwerke für eine stabile Stromversorgung sind ein Schlüsselelement für eine Volkswirtschaft. Der aktuelle Energiemix ist aber völlig ungeeignet, dauerhaft ein Reich zu versorgen. Aber "wo die Gefahr ist, da wächst das Rettende" (nach Hölderlin) und so sieht man aus dem Flugzeugfenster auch schon den Wandel, Windparks und Solarparks (letztere habe ich auf meiner Flugroute nicht gesehen).
Windpark, westlich von Peking
Die aktuellen Zahlen über die Chinesische Stromversorgung besagen auch, dass 2015 mehr Wind- und Solarkraftwerke gebaut wurden, als Kohlekraftwerke.

Infrastruktur

Bei der Annäherung an die Hauptstadt Peking, mein Reiseziel, sieht man die gigantische Infrastruktur des Landes. Autobahnen, vor meinem Hotelzimmer war es eine mit 10 Spuren, Schnellbahntrassen und Wohnhochhäuser, soweit das Auge reicht. 
Wie ich der Literatur [1] entnehme, hat China in den letzten drei Jahren mehr Beton verbaut, als die USA im 20. Jahrhundert. Obwohl eine derartige Zahl wirklich schwer zu glauben ist, zumindest die gesehenen Baustrukturen stärken den Glauben an dieses Faktum.
Autobahnen, Eisenbahnen, Wohnhäuser, in wenigen Jahren entstanden
Bei all dem Beton wollen Menschen natürlich Grün sehen und mit Liebe werden die Parks und selbst kleine Grünflächen gepflegt. Gefühlt ist Peking eine sehr grüne Stadt, außerordentlich viele Bäume und gefühlt bin ich immer im Schatten von Straßenbäumen gelaufen. 
Angeblich pflanzt jeder Chinese einmal im Jahr, am Tag des Baumes, einen Baum. Offensichtlich hat das einen nachhaltigen Effekt. 
Chinesische Gartenkunst, gesehen von meinem Frühstücksplatz im Hotel

Der Smog

Eines der größte Problem des Landes dürfte der Smog sein. Mitten im Mai, also bei warmen Wetter was nicht nach Heizung verlangt, aber auch die ungezählten Klimaanlagen noch nicht auf Hochtouren bringt, gab es eine für mich noch nie erlebte schlechte Luftqualität. 
Obwohl ich zum Glück nicht am Asthma leide begann ein trockener Husten. Und ein Blick auf die Messwerte zeigen das Desaster: Ein PM 2,5 Wert [A1], das ist die Feinstaubkonzentration im Bereich "Hochgefährlich" auch gesunde Personen sollen Innenräume nicht verlassen. 
Rot bedeutet Luftqualität "Ungesund", Violett sehr ungesund und Braun, wie am Dienstag erlebt, gefährlich. [2]

Die Skala für Luftqualität. In Deutschland ist sie meist "good", nur an wenigen Plätzen und Tagen "Moderate" [3]
Und wie erkennt man den Smog wenn man aus dem Fenster schaut, kein Problem, das sieht man sofort, hier ein Bild am Dienstag bei Smog (PM 2,5: 300+) und am nächsten Morgen, nachdem ein kräftiges Gewitter die Luft vorübergehend gereinigt hat (PM 2,5: 0-50). Diese Bilder wurden bewusst nicht bearbeitet.
Smog bei ~ PM 2,5 bei 250
Saubere Luft nach einem Gewitter ~ PM 2,5 bei 20
Meine chinesische Bekannte hatte natürlich eine App auf dem Handy, auf der sie sofort den aktuellen Wert und die Entwicklung der Luftqualität ablesen konnte. 
Eine Lösung ist natürlich nicht durch Messen und bunte Apps zu erwarten sondern durch einschneidende Änderungen in der Energieversorgung. Wenn die Gesundheit der Nichtraucher derart gefährdet ist, angeblich entspricht das Atmen in diesen Regionen dem Rauchen von einer Schachtel Zigaretten am Tag, dann werden die Menschen das nicht dauerhaft akzeptieren. 

Wohlstand und Armut

Peking gehört zu den reichsten Provinzen Chinas mit einem durchschnittlichen Einkommen von 10.000$ im Jahr. Im Straßenbild schlägt sich das in einem Fuhrpark nieder, der mit US Städten durchaus konkurieren kann.
Man beachte den roten Tesla S auf dem Bild
Elektroautos, selbst so teure wie der Tesla S, kann man sehen, schon wenige Minuten nachdem ich im Taxi vom Flughafen zum Hotel war, hat uns ein Tesla S überholt. Sicherlich, Flughafen und Hotels haben eine höhere "Autopreisverteilung" als andere Regionen. 
Läuft man durch die Wohnstrassen ist man aber überrascht, dass es nicht den Lärm von Mopeds gibt, alle fahren elektrische Zweiräder (keine Pedelecs) auf denen zwei Personen Platz finden können. 
Der lokale Gütertransport erfolgt zu einem guten Teil mit elektrisch angetriebenen Kleintransportern.
Lichtblick, elektrischer Kleintransporter im Kreisverkehr
Wie gut es den "normalen" Menschen geht kann ich nicht beurteilen, allerdings ist offensichtlich, dass der Wohlstand in weiten Kreisen der Bevölkerung ankommt. Es gibt eben nicht nur Hotel und Bankhochhäuser, fast alle Hochhäuser sind Wohnbauten. 
Der große Unterschied zu den Ölstaaten, die ich in letzter Zeit auch besucht habe, ist, dass die Menschen sich selbst den Wohlstand erarbeitet haben. Nicht der Verkauf zufällig im Boden lagernder Rohstoffe ist die Währung mit der auf dem Weltmarkt bezahlt wird sondern eigene Arbeit bei der Herstellung von High Tech Produkten.

Technologie und Forschung

Der Grund meines Besuchs in China war ein eingeladener Konferenzbeitrag über den Lageenergiespeicher auf der "Energy Storage China 2016"[4]. Auf der Konferenz wurden im wesentlichen chinesische Forschungsergebnisse präsentiert. Völlig ungewohnt war dabei für mich, dass diese Resultate zumeist in chinesischer Sprache präsentiert wurden. Es gab zwar teilweise eine Simultan- Übersetzung in das Englische, aber das ist bei rein in Mandarin geschriebenen Folien auch nicht immer ausreichend.
Energy Storage China 2016 in Peking

Inhaltlich wurden hochkarätige Ergebnisse präsentiert. So habe ich hier das erste mal Systeme gesehen, die den triboelektrischen Effekt nutzen [A2]. 
Die Entwicklung der Batterien, auch anderer Systeme als die beliebten LiIonen-Akkus, wurden vorgestellt und diskutiert. Auch wenn ich nur einen winzigen Ausschnitt der Forschung gesehen habe, so hatte ich einen deutlich besseren Eindruck von der Qualität als etwa in Moskau, wo ich eher rückwärts gewandte Forschung sah. 

Empathische Menschen

Zu den Menschen hatte ich, gefühlt, immer gleich einen guten Draht. Es ist eine offene Art, und auch eine Freundlichkeit, die ich in Deutschland und vielen anderen Ländern nicht so erlebt habe.
An mehreren Stellen, eher Kleinigkeiten, war ich überrascht, wie mein Gegenüber fast hellseherisch meine Wünsche bemerkte und freundlich geholfen hat. 
Allerdings ist die Sprachbarriere auch hier ein sehr großes Problem, kein Taxifahrer, Straßenhändler, Hotelangestellter (Außer Leiter der Rezeption) spricht auch nur ein Wort englisch. 
Obwohl wir hier im Westen die Sprache Englisch als gesetzt sehen, sollte man doch ernsthaft nachdenken, Mandarin an den Schulen als zweite Fremdsprache eher zu lehren als Latein oder Griechisch.
Echtes Chinesisches Essen 
Auffällig fand ich auch die legere Arbeitskleidung, wie man sie eher von der Westküste der USA kennt. Bei einem Geschäftsessen mit hochrangigen Mitarbeitern einer Firma war ich mit Anzug und Krawatte leicht "overdressed". Ich hatte mich am Auftreten von Japanern in Europa orientiert, die ich bisher sehr korrekt bekleidet erlebte.
Das Essen schmeckte mir, wenn es auch eine Nuance weniger scharf sein hätte können. Die servierten Mengen waren weit jenseits der Möglichkeiten meines Verdauungssystems. Trotz des leckeren Essens sieht man wenig übergewichtige Menschen. Ob das an der Zusammensetzung des Essens oder an der ausgeglichenen Lebensweise liegt, kann ich leider nicht beurteilen.

Einschränkungen

Auf meiner Reise war die Blockade wesentlicher Internetdienste, insbesondere Google und alle angeschlossenen Dienste wie Google Mail, Google maps sowie facebook deutlich spürbar. Im Alltag verwende ich diese Dienste auf allen Geräten und habe bemerkt, wie schwierig es ist, etwa ohne Navigation auf dem Handy in einer Millionenstadt in der keiner meine Sprache spricht und ich keine Schilder lesen kann, etwas zu finden (Ich habe z.B. keine U-Bahnstation gefunden). 
Mir ist an dieser Stelle unerklärlich warum der "Great FireWall" existiert. Insbesondere, wenn man bemerkt, dass der gleiche Service von Microsoft (zumindest bing.com und skype) gut erreichbar ist.
Bemerkenswert ist die chinesische Suchmaschine baidu.cn, die bei erstaunlich vielen Begriffen pornographische Links aus dem Westen anbietet. 
Weiterhin ist es für Kontakte schlecht, wenn man immer noch 2,99€/Minute für ein Gespräch mit dem Mobiltelefon bezahlen muss. Warum hier die Provider keine kundenfreundliche Lösung anbieten kann ich nicht verstehen. Insbesondere, da ein perfektes Mobilfunknetz existiert und, wie angemerkt, skype kostenlos funktioniert. 

Zukunft

Die wichtigste Ressource eines Landes, kluge, gebildete, kooperative und fleißige Menschen, ist in China praktisch unbegrenzt vorhanden. Dies wird es dem Land, trotz mancher Einschränkungen, in den nächsten Jahren erlauben, eine der erfolgreichsten Nationen zu werden. 
Auf jeden Fall werde ich wieder nach China reisen, nicht nur der Geschäfte wegen, sondern auch weil hier Innovationen zu erwarten sind, die man hier nicht erfunden hat. 

Quellen:

[A1] PM bedeutet Partikel Measure, und 2,5 sind Partikel die in einem Filter mit 2,5um aufgefangen werden. Eine besonders tückische Feinstaubsorte, die tief in die Lunge eindringt, die in Deutschland erstaunlicherweise kaum gemessen wird (Grund: Dieselgate?). In Deutschland findet man häufig den PM 10 Wert, das sind größere Partikel die im 10um Filter hängen bleiben.
[A2] Die Reibungselektrizität (triboelectric effect) ist zwar jedem vom Haarkämmen und Gewitterblitzen bekannt, aber wer nutzt diesen Effekt für die Stromerzeugung? Bei optimalen Materalien kann man damit offensichtlich mit hohem Wirkungsgrad Strom gewinnen. Mehr dazu unter Wikipedia.

[1] Vaclav Smil, Making the Modern World: Materials and Dematerialization, Wiley (2013)
[2] Weltweite Daten zur Luftqualität bei World Air Quality Index (Peking)
[3] Skala für die Beurteilung der Luftqualität ebenfalls beim World Air Quality Index (Link nach Stuttgart;-)

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